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Märchenhaftes und „Gewalten“ im Altenburger Paul-Gustavus-Haus
Samstag, 18:50 Uhr. Im gemütlichen Erdgeschoss-Café des Gustavus-Hauses in der Wallstraße wird das Anbebot von Kaffe bis Wein sowie selbst zubereitetem Chili con Carne, das auf dem gut geheizten Kachelofen vor sich hin köchelt, rege genutzt. Gerd Diener am Keyboard sorgt für Wohnzimmerflair pur.
Das herrscht auch im Veranstaltungsraum in der 1. Etage, der mit knapp 60 Besuchern proppevoll ist, als Moderatorin Alexa Dreesmann die Veranstaltung „Lesezeichen Altenburg II eröffnet. Dank finanzieller Unterstützung der Kulturstiftung des Bundes konnte der Altenburger Verein Zeitgeist e. V. drei Autoren einladen. Mit der Literaturreihe möchte der Verein zur Förderung einer lokalen Literaturszene beitragen. Durch die Zusammenarbeit mit dem Förderverein des Paul-Gustavus-Hauses kann ein Teil der Einnahmen für die weitere Sanierung des Hauses genutzt werden.
Die Moderatorin gönnt dem Raum auch gleich noch eine akustische Erwärmung mit „Summertime“ auf dem Saxophon. Der folgende Liedanfang von „Hänsel und Gretel“ verspricht Märchenhaftes. Das haben die ersten beiden Gäste Mario Schubert aus Hohenstein-Ernstthal und Klaus Krawczyk aus Leipzig auch im Gepäck. Sie sind Mit-Autoren des im Leipziger fhl-Verlag erschienenen Erzählbandes „Schneewittchen und die sieben Geißlein“ – Märchen aus heutiger Sicht und mit heiteren, ironischen und nachdenklichen Zwischentönen neu aufgemischt.
Mario Schubert (30) macht den Rechtsanwalt Reinecke Fuchs zum Verteidiger des Wolfes und lässt ihn nachweisen, dass die ganze Geschichte um die Sieben Geißlein erstunken und erlogen ist. Schubert sieht den Wolf als Opfer perfider Intrigen, an denen sieben Geißlein, eine Großmutter, und nicht zuletzt der Jäger beteiligt waren. Für Erheiterung sorgt die Erwähnung des Namens „Wolf“ in diversen Zusammenhängen – hier ist natürlich eindeutig die Märchenfigur gemeint.
Klaus Krawczyk (37) nimmt in "Die Froschkönigin" augenzwinkernd mädchenhaftes Prinzessinnengehabe auf die Schippe: Die Froschprinzessin, der kein Mann gut genug ist, wird von den verärgerten Eltern ausgesetzt und treibt auf einem Seerosenblatt in die weite Welt hinaus. Sie begegnet u. a. dem gestiefelten Kater, Rumpelstilzchen und letztendlich landet das stolze Prinzeßchen doch noch bei ihrem Traumprinzen – jedoch, weil der sich als Koch entpuppt, leider nur als Delikatesse in seinem Kochtopf. Märchenhafte Unterhaltung, die sicher auf manch weihnachtlichem Gabentisch landet.
Nach einer kurzen Pause locken erneut Saxophonklänge das Publikum von der unteren in die 1. Etage. Gast ist nun der Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer (33), der 2006 mit seinem Erstlingswerk „Als wir träumten“ einen Überraschungserfolg auf der Leipziger Buchmesse landete. 2008 folgte der Erzählband „Die Nacht, die Lichter. Stories“, der unter anderem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde und dessen Adaption seit März 2010 am Leipziger Centraltheater aufgeführt wird. In diesem Jahr erschien auch sein 3. Buch „Gewalten. Ein Tagebuch“. In elf Kapiteln, die mehr Erzählungen sind als Tagebuchaufzeichnungen, blickt er auf das Jahr 2009 zurück und verarbeitet medienbestimmende Ereignisse wie Guantanamo, Abu Ghraib, den Amoklauf von Winnenden und die Ermordung der achtjährigen Michelle.
Anfangs etwas reserviert, taut der Autor im Gespräch mit der Moderatorin schnell auf und beantwortet locker alle Fragen zu seinem beruflichen und privaten Leben. So war er als Kind bei seiner Oma in Altenburg zu Besuch und bekennt, dass ihm das Altenburger Radler am besten von allen Getränken dieser Art schmeckt.
Dann liest er liest zwei Geschichten: „Gestalten“ beginnt mit einem nächtlichen Psychiatrieaufenthalt, der immer wieder ins Alptraumartige, Surreale abgleitet. „Draußen vor der Tür“ beschreibt bis ins kleinste Detail die irrwitzige nächtliche Wohnungstür-Entriegelungsaktion eines ungewollt Ausgesperrten, immer unter Beobachtung seines alten ruhebedürftigen Hundes.
Aber Clemens Meyer liest nicht nur, er zelebriert seine Texte in einer Art und Weise, die seine Sprachgewalt und seinen ganz speziellen Schreibstil beeindruckend hervorhebt – mal sehr emotional, mal punktgenau und hart im Rhythmus.
„Die Atmosphäre hier gefällt mir sehr gut, ich komme gern wieder“, beschließt er seine Lesung. Dass er sein Versprechen gleich am nächsten Tag für eine Führung durchs Gustavus-Haus wahrmachen wird, weiß er wohl zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht.
Alle drei Autoren nehmen sich im Anschluss noch Zeit für Gespräche mit ihren Zuhörern, signieren ihre Bücher und genießen einen „Absacker“ im Café.
Fazit: Rundum zufriedene Autoren und Gäste, dazu ein finanzieller Beitrag für die weitere Sanierung des Gustavus-Hauses. Für 2011 ist eine Fortsetzung mit „LesezeichenIII“ geplant.
Informationen zu unseren Autoren:
Clemens Meyer Klaus Krawczyk Mario Schubert
Die Veranstaltung "Lesezeichen Altenburg II " ist Teil des Projektes "Aufbau und Förderung einer jungen Literaturszene in der Stadt Altenburg" und wird gefördert durch den Fonds Neue Länder der
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